"Iss nicht immer nur Waldmeister und Minze!" sagte die Igelmutter zu ihrem Kind. "Igel essen Würmer und Schnecken, damit sie groß und stark werden!" " Pfui pah! Das ist ekelig, ich esse kein Gewürm! Niemals." antwortete das Igelkind. "Na du wirst schon sehen, was du davon hast. Wenn du nichts als Blätter isst, dann bleibst du eben klein. Stacheln bekommst du auch keine und das Allerschlimmste ist, du wirst ganz grün!" schimpfte die Mutter. "Ha," rief das Kind, " du willst mir ja bloß Angst einjagen. Grün soll ich werden, dass ich nicht lache! Stacheln bekomme ich keine? So ein Quatsch!"
Also aß der kleine Igel weiterhin nur Blätter und während seine Brüder und Schwestern immer größer und stachliger wurden, blieb er ganz klein und stachellos. Er wurde auch ganz grün, wie die Mutter es prophezeite. So kam es, dass seine Schwestern ihn mieden, weil sie Angst hatten, dass er krank sei und ansteckend. Seine Brüder aber hänselten ihn wo immer es nur ging, größer und stärker als er, ärgerten sie ihn den ganzen Tag und wenn er sich versuchte zu wehren, dann stupsten sie ihn mit ihren Nasen in die Seite oder schlimmer noch, sie nahmen ihn zwischen sich und piksten ihn mit ihren Stacheln. Und weil er selbst keine hatte, konnte er sich gar nicht schützen. "Auh, das tut weh!" schrie er, aber seine Eltern halfen ihm auch nicht und sagten nur: "Iss Würmer und Schnecken, dann wird alles gut!"
Cauli, so hieß der kleine Igel, dachte gar nicht daran, etwas anderes als Blätter zu essen und beschloss, von Zuhause auszureißen. Eines nachts, als seine Eltern und Geschwister fest schliefen, schlich er sich leise aus der Blätterhöhle, in der er bis dahin lebte und rannte tief in den Wald hinein, so schnell ihn seine kleinen Beinchen trugen. Er wanderte zwischen den Bäumen umher und staunte über alles, was er sah. So hatte er sich Bäume nicht vorgestellt, als er noch im Schutz der Höhle lebte. "Die sind aber groß!" dachte Cauli. "Und die Blätter, wie sie im Wind rascheln!" Cauli begann zu zählen: "Eins, zwei, drei...einhundertsiebenundvierzig... tausendundeins... Mist, verzählt!" dachte Cauli. "So schön wie sie auch rauschen im Wind, zum zählen ist das furchtbar unpraktisch, wenn sie sich dauernd bewegen! Cauli zählte die ganze Nacht. Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, alle Blätter im Wald zu zählen, jedes einzelne. Aber immer wieder unterbrach ihn der Wind, oder der Mond blendete ihn, sodass er sich verzählte. Einmal hatte er schon fast alle Blätter an einem Baum gezählt, da kitzelte ihn ganz plötzlich die Nase. Mit einem lauten Nieser entfloh ihm die Zahl aus seinem Kopf und er fing geduldig von vorne an. Blatt für Blatt. So ging es bis in die Morgenstunden, die Dämmerung verscheuchte die Nacht, die ersten Sonnenstrahlen trafen auf dem Waldboden. Alles begann nach Licht zu riechen! Da sah Cauli auf einmal, dass er nicht mehr allein war. Neben ihm lag eingeigelt, ganz klein und grün, fast stachellos, genauso ein Igel wie er selbst. Und da, noch einer...und noch einer. Ja eigentlich überall. Hunderte kleiner grüner Igel waren plötzlich um ihn herum. Überglücklich sprang Cauli umher, stupste sie und rief:" Wo seid denn ihr so schnell hergekommen? Ihr seht ja alle aus wie ich. Esst ihr auch nur Blätter und nicht diese ekligen Würmer? Und seid ihr auch alle von zu Hause abgehauen?" Aber keiner der Igel antwortete. Sie blieben einfach eingeigelt liegen, ohne sich auch nur im geringsten für Cauli zu interessieren. Da wurde er traurig und sagte: "Nicht einmal ihr beachtet mich, ihr seid noch schlimmer als meine Brüder und Schwestern! Die haben jedenfalls mit mir gesprochen, auch wenn sie nicht nett zu mir waren. Ihr liegt nur stumm auf dem Waldboden herum und hüllt euch in Schweigen. Wisst ihr was, dass kann ich auch!" Und Cauli zog sich zusammen, bis er nur noch eine kleine grüne Kugel mit winzigen Stacheln war und wollte nichts und niemanden mehr sehen. Da hörte er plötzlich ein raues, tiefdröhnendes Lachen. "Warum redest du mit meinen Kastanien?" fragte ihn eine mächtige Stimme. "Sie hören dich nicht. Sie alle sind meine Kinder und fallen von mir herunter." sagte der Baum. "Sie schlafen noch, bis der Regen und die Sonne ihre Schale aufbricht." "Oh," sagte Cauli, " ich dachte, sie wären Igel wie ich! Dann bin ich also doch der einzige grüne Igel im Wald, schwach und klein!" "Der einzige grüne Igel bist du sicherlich hier im Wald, denn ich bin schon sehr ,sehr lange hier und habe noch nie jemanden wie dich gesehen! Aber allein bist du nicht. Und schwach bist du nur, weil du dich gerade so fühlst!" Da fing Cauli an zu weinen und erzählte dem Kastanienbaum alles, was ihm passiert war. Dass er keine Würmer essen wollte und darum klein blieb und vom Waldmeister ganz grün wurde. Und dass ihm keine richtigen Stacheln wuchsen wie bei seinen Geschwistern. Wie sie ihn hänselten und er beschloss, die Blätterhöhle zu verlassen um sich auf die Suche nach anderen Igeln wie ihn zu machen. Andere, die ihn so akzeptierten, wie er selbst war ohne Vorurteile.
Geduldig hörte der Baum zu. Als Cauli ans Ende seiner Geschichte angekommen war, hallte eine unendlich alte, weise Stimme mächtig durch den Wald das alles zu zittern begann: "Geh nach Hause zu deinen Eltern und Geschwistern kleines Geschöpf! Sie sorgen sich um dich. Auf dem Weg dahin wirst du wachsen! Größer als ich wirst du sein." sagte der Kastanienbaum. "Und alle Tiere, so stark sie auch sein mögen, werden dich mit Respekt behandeln ." Und das war das letzte, was der Baum sagte. Stille trat ein und Cauli wusste, dass der Baum niemals wieder zu ihm sprechen würde und dass er großes Glück hatte, dass der Baum überhaupt zu ihm gesprochen hatte!
So machte er sich auf den Heimweg. Als erstes begegnete Cauli einer Schar Ameisen. Der Anführer der Ameisen dachte gar nicht daran, ihm aus dem Weg zu gehen und rief in gewohntem Befehlston: "Hey da, du grünes Geschöpf! Aus dem Weg, wir dienen der Königin! Das hier ist eine Ameisenstraße, niemand außer uns darf hier laufen!" Cauli zögerte nicht lange, er spürte neuen Mut in sich wachsen und erwiderte: "Dienen tut ihr also, einer Königin?! Habt ihr denn keinen eigenen Willen? Tut ihr immer das, was man euch sagt und bewegt ihr euch lediglich auf den Straßen, die man euch vorgibt? Geht mir aus dem Weg! Der Wald ist für alle da, ich laufe, wo ich möchte." Der Anführer der Ameisen erzitterte vor so viel Selbstvertrauen in Caulis Stimme und wich zur Seite. Zum ersten mal in seinem Leben verließ er gegen den Befehl der Königin die Ameisenstraße und fühlte sich ganz merkwürdig, als wenn er eine unsichtbare Grenze überschritten hatte. Cauli aber ging weiter.
Da kam ihm ein Hase entgegen. "Pft," machte der Hase und geringschätzte Cauli, "aus dem Weg mit dir. Weißt du nicht, wer ich bin? Ich bin der Hase, das schnellste Tier im ganzen Wald. Hier laufe ich!" Und Cauli sah den Hasen mitleidig an und sagte: "Du bist nicht nur das schnellste Tier im Wald, sondern auch das furchtsamste. Du kannst nur so schnell laufen, weil dir die Angst ständig in den Nacken beißt." Und tatsächlich bekam es der Hase bei so viel Entschlossenheit mit der Angst zu tun und rannte davon schnell wie der Wind!
Als nächstes stand Cauli vor einer Schlange. "Pst, pst, " zischelte die Schlange, "geh zur Seite grüner Wicht, sonst beiße ich dich. Ich bin das giftigste aller Wesen im Wald!" Cauli bewegte sich nicht von der Stelle. Die Schlange richtete sich bedrohlich auf und zeigte ihre lange Zähne, aus denen schon das Gift tropfte. " Das ist meine letzte Warnung! Weiche du armseliges Tier." "Armselig nennst du mich? " sagte Cauli mit ruhiger, aber fester Stimme, "Auf wen von uns beiden trifft dieses Wort denn wohl eher zu? Bösartig bist du und lügst mit deiner gespaltenen Zunge. Ich habe keine Angst vor dir. Ich bin ein Igel, ich habe Stacheln, auch wenn sie klein sind. Sie reichen allemal, mich vor deinen Giftzähnen zu schützen. Und da wurde die Schlange böse und verspritze noch mehr Gift. Alles Gift tropfte vor Wut aus ihr heraus und der Igel sprach: "Was bist du nun, ohne dein tödliches Gift. Bloß ein großer Wurm. Und weißt du, was Igel fressen? Würmer!" Und Cauli riss sein kleines Maul auf und blitzte mit seinen eigenen, kleinen aber messerscharfen Zähnen. Die Schlange windete sich davon, so schnell, dass man meinen konnte, ihr wären vor Schreck Beine gewachsen.
Wenig später kam ihm ein Fuchs entgegen. Und auch dieser pochte auf sein Wegerecht. "Schau mich an, wie schön ich bin in meinem rotglänzendem Fell. Und mein puscheliger Schwanz leuchtet heller als die Sonne. Aber ich sag dir etwas, grüner, äh ja, was bist du eigentlich? Ein Schleimklumpen? Ich bin nicht nur wunderschön, sondern auch gerissen und listig!" "Ach was," blaffte Cauli, "Eitel bist du und eingebildet. Und übrigens bin ich ein Igel, und zwar ein ganz besonderer. Mich gibt es nur einmal in diesem Wald. Füchse wie dich gibt es viele. Du merkst nicht einmal, dass du dich selbst überlistest. Dein leuchtender Schwanz blendet deinen Sinn für alles andere. Es geht dir nur noch um dich selbst...pass auf du Angeber, ich sehe schon den Jäger kommen. Er will deinen schönen Puschelschwanz abschneiden!" Und da sauste der Fuchs davon, ohne sich umzudrehen. Sein leuchtender Schwanz schwang dabei wie eine Petroleumleuchte im Wind umher.
Nach und nach kamen Cauli immer mehr Tiere entgegen. Ein einsamer Wolf, der sich nur in seinem Rudel stark fühlte und ohne seine Verbündeten gar nicht mehr mutig war.
Ein eifersüchtiger Rehbock, der in allen anderen Tieren nur Konkurrenten sah und sie zu verscheuchen versuchte aus seinem Revier, weil er nicht teilen wollte.
Schließlich kam sogar ein Bär, benebelt vom vielen Honig, den er maßlos in sich reingestopft hatte. Und auch dieser wich Cauli aus dem Weg, als er ihm direkt in sein großes Bärengesicht sagte: "Du bist nicht Herr deiner Sinne, alles dreht sich in deinem Leben nur um die Sucht nach Honig!"
Kein Tier konnte sich Caulis Worten widersetzten, egal wie groß und stark es auch sein mochte, im Inneren hatte doch jedes einzelne Tier seine ganz eigene Schwäche.
Und plötzlich stand Cauli wieder vor der Blätterhöhle. Seine Geschwister kamen auf ihn zugelaufen und küssten ihn schmatzend mit ihren kleinen Igelschnauzen. Sie schnupperten an ihm und leckten sein ganzes Gesicht vor Freude! "Da bist du ja endlich kleiner Bruder, wir haben uns solche Sorgen gemacht! Überall haben wir nach dir gesucht. Komm schnell rein in die Höhle, Mutter ist ganz krank vor Sorge und liegt eingeigelt zwischen den Blättern."
Cauli kroch schnell zu seiner Mutter. Und sie sah ihn mit tränenüberfüllten Augen an. Ganz lange guckte sie ihn nur in die Augen und flüsterte: "Mein kleiner grüner Engel, wo bist du nur gewesen? Was sehe ich in deinen Augen? Du bist unendlich gewachsen! Du strahlst so viel Stärke aus! Erzähl mir, was dich der Wald gelehrt hat" Und Cauli schmiegte sich ganz dicht an seine Mutter und flüsterte ebenso leise:" Ich habe gelernt, dass man jemanden bewundern sollte, wenn man ihn für stark hält. Und dass man in sich selbst sehen muss, wenn man jemanden für schwach hält. Im Wald bewunderte ich einen Kastanienbaum. Er tröstete mich und sagte mir, dass ich auf dem Weg zurück nach Hause wachsen würde. Er hat recht behalten. Alle Tiere, dir mir auf dem Weg hierher den Weg versperren wollten, sind vor mir zurückgewichen. Egal wie groß sie auch zu sein schienen, alle hatten ihre eigene ganz persönliche Schwäche, die sich in mir widerspiegelte. Ich konnte fühlen, was die anderen Tiere ängstigt und habe sie damit konfrontiert und dabei meine eigenen Ängste besiegt. Weißt du, was ich mir wünsche, Mama?" "Nein mein Sohn." "Ich wünsche mir, dass alle Tiere im Wald einmal klein, grün und stachellos sind, damit sie anfangen zu begreifen, dass man auch ohne giftige Zähne, starke Freunde oder bärenhafte Kräfte ganz stark sein kann. Und dass man auch ohne strahlenden Puschelschwanz und glänzendem Fell schön ist. Und dass man niemals vor seinen Ängsten wegrennen sollte, egal ob man das schnellste Tier im Wald ist. Und dass man nicht eifersüchtig sein muss, weil es schöner ist mit anderen zu teilen, als alles für sich zu beanspruchen. Ich wünsche dem Bären auch, dass er den süßen Honig wieder als etwas Besonderes erkennt und nicht maßlos in sich hineinstopft."
"Von so vielen Wünschen musst du ganz hungrig sein!" sagte die Igelmutter. "Hier, ich habe Waldmeister und Minze für dich gesammelt!" "Ach weißt du was Mama, ich glaube, ich will heute mal einen Wurm probieren..." sagte der kleine Igel und umarmte seine Mutter noch lange an diesem Abend und als sie beide vor der Höhle saßen und in die Sterne guckten, da wusste Cauli, dass er endlich zu Hause angekommen war und nie wieder allein in den Wald gehen würde.