Stille Stunden

Dicke Schneeflocken segelten träge auf die weiße Landschaft herab, zauberten die kahlen Bäume in einen warmen Mantel aus weiß glitzerndem Schein. Windböen ließen verspielt Schneegestöber vor sich im Kreis drehen, und nach rechts und links auseinander huschen.
Sarah sah aus ihrem Fenster, drückte die Stirn gegen die Scheibe, so dass der Atem unter ihrer Nase in kleinen Kreisen am Glas zu sehen war. Alles war Weiß und wunderschön.

„Es ist selten, dass am 24. Dezember solches Wetter draußen ist. Ein Geschenk Gottes, ist das nicht schön, Sarah?“ Sarah antwortete nicht. Ihre Gedanken verliefen sich in der weißen Wüste, die sich vor ihr erstreckte. Versanken am Horizont und tanzten dort mit den Schneeflocken im Kreis, die als schwarze Punkte mit dem dunstigen Grau in der Ferne verschmolzen. Die Tür schloss sich leise. Sarah war allein. Dumpfes Lachen holte ihre Gedanken zurück auf die verschneite Strasse vor ihrem Fenster. Dort sprang ein Junge fröhlich im Schnee umher, zog seine Mutter an der Hand mal in diese, bald in die andere Richtung. Seine Wangen waren feuerrot, teils vor Kälte, teils vor Eifer, und seine Ohren glühten unter der orangenen Pudelmütze, die sie nur halb bedeckten. Sarah dachte, dass der Junge wohl kaum älter als sie war. Sie schätzte ihn auf neun Jahre. Lebhaft redete er mit Händen und Füßen. Seine Mutter ermahnte ihn wohl mit dem Zeigefinger mehrmals zur Ruhe. Doch da war es schon zu spät: Er rutschte aus und zog seine Mutter mitten in einen Schneehaufen.
Beide lagen da, wie zwei nasse Säcke und lachten, lachten bis ihnen die Tränen kamen und ein Ehepaar verwundert stehen blieb. Sarah lachte auch. In Gedanken lag SIE da unten mit ihrer Mutter und tollte in dem frischen Schnee. Und sie erzählten sich - erzählten sehr viel zusammen und lachten, lachten und waren glücklich. Einfach glücklich, wie man es sich an so einem Tag wünschte, wenn man Geborgenheit und Zufriedenheit tief in sich fühlt.
Sie fassten sich an den Händen und standen auf, klopften den Schnee von den Kleidern. Dann nahmen sie sich in den Arm und drückten sich fest. Sie küssten sich, genauso wie das auch Sarah tun würde, und wünschten im Vorbeigehen dem verdutzten Ehepaar, dass immer noch dem wunderlichen Treiben zuschaute, frohe Weihnachten.
Sarah blickte ihnen zufrieden nach, bis sie in einem Haus an der Ecke verschwanden. Ein Mann machte dort die Tür auf und nahm die beiden liebevoll in den Arm. Dann schloss er sie und es wurde ruhig. Nur die Fußabdrücke im Schnee wußten noch von diesem Moment.
So zog Stille in die Strasse und in Sarahs Herz, als sie auf das Bild mit dem dunkelgrünen Rahmen auf ihrem Nachtschränkchen sah. Ihre Mutter und ihr Vater winkten dort lachend aus einer Ferienwohnung eines Sommerurlaubs.
„Mami? Daddy? Wo seid ihr jetzt?“ fragte Sarah leise. Doch die Antwort blieben die Erwachsenen seit dem Unfall ihr schuldig. Nur die Schwestern des Heimes sagten ihr über den Kopf streichelnd: „...an einem besseren Ort...“
Stumm griff sie die Räder ihres Rollstuhls, setzte vom Fenster zurück und rollte zur Tür.