Einleitend nehme ich mir einen Text zu Hilfe, von dem niemand so recht weiß, woher er eigentlich stammt. Zu mir hat dieser Text in einem Buch von Coelho (Brida) gefunden:

Einem anonymen alten Text zufolge kann ein Mensch in seinem Leben zwei Dinge tun: bauen oder pflanzen. Diejenigen, die bauen, brauchen manchmal Jahre, um ihr Ziel zu erreichen, aber eines Tages ist ihre Arbeit beendet. Dann sind sie untätig und die Wände, die sie gebaut haben, engen sie ein. Das Leben verliert seinen Sinn, wenn der Bau errichtet ist. Aber es gibt auch diejenigen, die pflanzen. Sie leiden manchmal unter Unwettern, unter den Jahreszeiten und ruhen selten aus. Doch anders als ein Gebäude hört ein Garten nie auf zu wachsen. Und da er die Aufmerksamkeit des Gärtners immer fordert, kann für denjenigen, der pflanzt, das Leben ein großes Abenteuer sein.
Die Gärtner werden einander erkennen – denn sie wissen, dass jede Pflanze die Geschichte der ganzen Erde enthält.

Kurz nach dem Abitur 1998...ich hatte mir einen Job gesucht, um mir meinen ersten eigenen Urlaub leisten zu können...man hat mich als Gärtner in einer Stahlbaufirma angestellt. Ihr müsst euch einen großen Komplex mit Hallen, Bürogebäuden und Kränen vorstellen, mich als kleinen 20jährigen Jungen mittendrin. Der "Große Dicke" hat mich eingestellt, so hat man den Chef unter den Arbeitern genannt...
Ich war also für die Grünanlagen auf dem Gelände verantwortlich, habe die Wege sauber gehalten, gezupft, geschnitten, gegossen, gepflegt, gehakt, gepflanzt und verpflanzt.
Eine Weile war ich glücklich und zufrieden mit meinen Pflanzen. Ich war frei im Kopf und ausgefüllt im Inneren...mit einem Lied auf den Lippen hatte ich mein Revier fest im Griff.
Wäre nur das Abstempeln nicht gewesen...morgens vor der Arbeit, abends nach der Arbeit, die Stempelkarte mit einem lauten "klack" abgelocht, nach 8 Stunden, bei der Umkleide für die "Großen Männer". Jeden Tag wuchs die Neugier in mir ein bisschen mehr. Ich habe mich heimlich in die große Halle geschlichen, weil ich sehen wollte, was sich hinter all dem Lärm, dem Rauch, der vielen Funken, der unglaublichen Hitze und den schwitzenden Arbeitern verbarg...Die Firma hat Brückenköpfe gebaut. Soviel wusste ich schon, aber wie das vonstatten ging, dass herauszufinden war wie ein innerer Drang. Heißer Stahl, Walzen, Biegemaschinen, Kräne, Hämmer, Metallatmosphäre umhüllt mit rauchgeschwängerter, funkenübersäter Luft, die zum atmen kaum zu gebrauchen war, deren Mystik ich jedoch mit großer Faszination in mich einsaugte, mit all dem Qualm, dem Lichterspiel und ihren dumpfen Lauten...von Tag zu Tag wurden meine Ausflüge in die Stahlkammer länger, ich hab den "Erbauern" über die Schulter geguckt: Schmieden, Drehen, Schweißen, Biegen, Hämmern, Feilen, Schleifen, Fräsen...eine unterirdische Halle voller bärtiger Zwerge beim Schwerter schmieden hätte damals für mich nicht interessanter sein können. Und draußen? Ja dort hat sich die Natur mit jeder Sekunde, die ich sie vernachlässigte, in eine ungewollte Richtung ausgebreitet. Das war auch dem "Großen Dicken" aufgefallen. Der war gar nicht begeistert, dass seine Grünanlagen aufgrund meiner Neugier auf die große Halle zusehens dschungelähnliche Ausmaße annahmen. Eine Weile hat er sich das gefallen lassen, aber dann kam der Tag, an dem er mich zu sich rufen ließ. "Benjamin," sagte er mit ruhigem Ton, "ich habe eine andere Aufgabe für dich! Melde dich doch bitte in Halle 3 bei den Machinenbauingenieuren." Halle 3? Die ist mir nie wirklich aufgefallen während meiner Entdeckungsreisen. Klar, ich wusste, wo sie stand, wie sie aussah...aber aus ihrem Innern kamen keine Geräusche, keine Lichtblitze oder Rauch. Nein, die Halle stank sogar ein wenig, wonach, konnte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht einordnen. Alles, was ich wusste, war, dass sich einmal die Woche ein Tank-LKW in ihr entleerte. Was da nun drin war in dem Tank, dass sollte ich schon bald herausfinden...
"Guten Morgen!" sprach der Mann in grünem Arbeitsanzug, ein Butterbrot in der linken Hand, ein Auge auf mich gerichtet, das andere auf ein Steuerpult. Die rechte Hand war mit dem Drücken von Knöpfen beschäftigt..."Gut, dass der "Große Dicke" dich geschickt hat!" Wir brauchen deine Hilfe." "Wobei?" antwortete ich gelassen, aber mit einer bösen Vorahnung im Magen. "Na komm einfach mal mit!". Ich vernahm ein leichtes Grinsen im Gesicht des Ingenieurs..."Hier hast du eine Hacke und eine Schaufel. Siehst du den großen Haufen? Der muss abgetragen und in die Pelletsmaschine geschaufelt werden. Ich würd dir gerne helfen, aber du hast ja gesehen, ich muss die Anlage überwachen!"
Liebe Leute, ich stand vor dem größten Haufen Scheiße, den ich je in meinem Leben gesehen hatte. Die Halle 3 war ein Prototyp aus Finnland, sollte ein zweites Standbein für die Firma werden. Biodünger. Die wöchentliche LKW-Ladung war nichts anderes als Hühnerscheiße. Die ist direkt in eine vier Meter hohe und 30 Meter lange zylindrische Trommel gepumpt worden. Unter langsamen Drehbewegungen und der Wärmeentwicklung unter Zusatz bestimmter Bakterien sollte aus dem Hühnerdung am Ende des Zylinders mittels einer arschimedischen Schraube der Dünger direkt über Förderbänder zu Pellets gepresst werden. Die Förderbänder waren allerdings noch nicht installliert. So hat man den Dung über einen langen Zeitraum einfach in der Halle aufgeschichtet. Wie gesagt, eine Halle voll von ihrem Eigengewicht verdichteter Hühnerscheiße. Im Sommer! In der Halle war es eh schon warm durch die chemischen Prozesse, die Sonne hat den Rest erledigt. Und da war ich wieder der "Kleine 20-jährige Junge", die Arme aufgekratzt wegen der Hühnerflöhe, mit Schaufel, Schiebkarre und Hacke bewaffnet...

So, jetzt die Moral von der Geschichte...wenn man sich nicht entscheiden kann, ob man lieber "Pflanzt" oder "Baut", dann schickt dir der "Große Dicke" einen riesigen Berg Scheiße...